Stellungnahme zur Gewalteskalation der Polizei

Am vergangenen Samstag kam es in Köln zum 133. Rheinderby. Nach dem 3:3-Unentschieden auf dem Platz kam es circa zwei Stunden nach Abpfiff zu einem Polizeieinsatz am Bahnhof in Merzenich, den wir mit zwei Tagen Abstand zu den Geschehnissen, nach zahlreichen Gesprächen und dem Betrachten diverser Foto- und Videoaufnahmen schlicht und ergreifend als neue Dimension der Polizeigewalt bezeichnen müssen, weshalb wir uns nachfolgend zu den Ereignissen äußern müssen.

Ein größere Gruppe von rund 500 Mönchengladbacher Fans reiste am Vormittag von Merzenich aus nach Köln. Die Anreise erfolgte problemlos und stressfrei. Die Polizei ordnete ein Aussteigen am Bahnhof Weiden und eine Weiterreise per S-Bahn an, was ohne Zwischenfälle gelang. Auch die Abreise über Ehrenfeld nach Merzenich verlief absolut problemlos, bis man am Bahnhof in Merzenich ankam.

Der gelogene Auslöser

Beim Ausstieg aus der Bahn kam es zu einer Personalienfeststellung gegen einen Fan sowie dessen zwei Begleiter. Ihm wurde eine ,,Beleidigung auf sexueller Grundlage‘‘ gegen eine Polizistin, die im Zug von Ehrenfeld nach Merzenich mitfuhr, vorgeworfen. Der Fanhilfe Mönchengladbach und dem FPMG Supporters Club liegen mehrere Augenzeugenberichte sowie Aussagen des Betroffenen selbst vor, dass es sich hierbei um ein im besten Fall Missverständnis und im schlechtesten Fall um eine Konstruktion und Lüge handelt:

Tatsächlich handelte es sich um einen albernen Scherz. Der Fan zeigte die bekannte ,,Reingeschaut‘‘-Geste, bei der sich der Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis drehen und eine fremde Person zum Reingucken provoziert wird – als die Polizistin reinschaute, war der Streich geglückt. Sie jedoch konstruierte daraus eine obszöne Loch-Geste, die sie nachfolgend anzeigte. Der Fan wird laut eigener Aussage mithilfe eines Strafverteidigers die Videoaufnahmen des Zugs anfordern, um seine Version neben den besagten Augenzeugenberichten beweisen zu können.

Die Polizei nennt diesen Vorfall sowie die anschließende Personalienfeststellung als Ursache für die nachfolgende Eskalation am Bahnhof. Fans hätten sich mit dem Beschuldigten solidarisiert, die Maßnahme verhindern wollen und so den nachfolgend größeren Polizeieinsatz ausgelöst.

Diese Darstellung ist nachweislich falsch. Vertreter des FPMG-Vorstands, ein eigens für das Derby bestellter und mitgereister, vor Ort anwesender Strafverteidiger sowie Mitarbeiter des sozialpädagogischen Fanprojekts DeKull können bezeugen, dass zum Zeitpunkt der Eskalation die Personalienfeststellung in einiger Entfernung lief und keinerlei Auswirkungen darauf hatte. Der Fan selbst sagte seinen Begleitern, dass sie zu den Autos vorgehen sollen, was diese auch taten.

Der tatsächliche Auslöser

Am Bahnhof in Merzenich wartete ein gutes Dutzend Gladbacher Fans auf die aus Köln zurückreisende Gruppe. Diese kleine Gruppe stand unten auf dem P&R-Parkplatz, der vom Gleis aus einsehbar war, während die große Gruppe aus der Bahn ausstieg. Auf dem Gleis waren zusammen mit der großen Gruppe die BFE-Einheiten, die die Fans im Zug von Ehrenfeld nach Merzenich begleiteten. Unten auf dem Parkplatz standen diverse Polizeigruppen, die den Bahnhof absicherten. Die Fans begrüßten sich mit Gesängen, bis zu diesem Zeitpunkt gab es an keinem Ort irgendein Problem.

Ohne erkennbaren Grund kam es durch die Polizei zu einem Übergriff auf die kleine Gruppe der wartenden Fans auf dem Parkplatz. Diese standen zu diesem Zeitpunkt seit Minuten auf dem Parkplatz, sollten aber plötzlich an einen anderen Ort gedrängt werden. Der Übergriff führte zu Unmut in der größeren Gruppe und es entstand eine Unruhe, die in der Folge ebenfalls zu Übergriffen der Polizei auf die größere Gruppe führte – da die Fans bereits begonnen hatten, den Bahnhof zu verlassen, erstreckte sich die größere Gruppe zu diesem Zeitpunkt vom Ausgang des Bahnhofs bis hin aufs Gleis.

Gewalteskalation und bedrohliche Situationen

Was folgte, waren chaotische Szenen: Die Polizei auf dem Gleis, die hinter den im Abmarsch befindlichen Fans stand, wollte sich nach vorne arbeiten und prügelte sich durch die Menge. Mehrere Fans fielen dabei auf das Gleis und die Schienen oder mussten sich dorthin vor der Polizei fliehen, da das Zusammendrängen auf dem Gleis völlige Platznot produzierte. Als die BFE-Einheiten sich bis zum Treppenabgang vorgearbeitet hatten, begann man, die dort stehenden Fans die Treppe hinunterzudrängen. Sowohl hier als auch vorher gab es einen massiven Einsatz von Schlagstöcken, teilweise auf Kopfhöhe, und Tritten. Diverse Fans fielen mehrere Meter weit die Treppen herunter.

Gleichzeitig drängten die BFE-Einheiten, die auf dem Parkplatz warteten, die abreisenden Fans, die bereits den Ausgang erreicht hatten, zurück in den Bahnhof. Auch hier kam es zu erheblichen Angriffen durch Schlagstöcke und Pfefferspray. Dadurch, dass die Polizei nun von beiden Seiten unter dem Einsatz massiver Gewalt die Fans zurückdrängte, wurde die Gruppe von mehreren hundert Personen bedrohlich zusammengeschoben. Die Situation spitzte sich zu. Fans retteten sich durch das Klettern und Hochziehen durch andere Personen weg von der Treppe, über die immer wieder Fans runtergedrängt wurden und auf andere Fans fielen – die Szenen erinnerten bedrückend stark an Massenpaniken. Zu diesem Zeitpunkt stand zu befürchten, dass hier schwerste Verletzungen hätten passieren können.

Während der ganzen Eskalation probierten der mitgereiste Strafverteidiger, die Mitarbeiter des sozialpädagogischen Fanprojekts DeKull sowie weitere Fanvertreter mit der Polizei in Kontakt zu treten sowie die Situation zu deeskalieren. Die Polizei zeigte sich hier zu keinerlei Kooperation bereit. Dem Strafverteidiger wurde, trotz des Vorzeigens seines Anwaltsausweises, mit polizeilichen Maßnahmen gegen ihn gedroht, falls er die Maßnahme weiter durch seine Fragen behindere.

Folgen & Verletzungen

Der Fanhilfe und dem FPMG lagen bis Sonntagabend rund ein dutzend ärztliche Atteste vor, die Knochenbrüche, Platzwunden, einen Bänderriss und diverse Prellungen ausweisen. Die schwerer Verletzten konnten während der Maßnahme nur schleppend aus der Maßnahme befreit werden. Platzwunden gab es zum Teil auch an Hinterköpfen, da Fans sich schützend von der Polizei wegbewegten oder in Richtung einer Wand wegduckten, während die BFE-Polizisten weiter mit Knüppeln auf sie einschlugen.

Während der Maßnahme wurden unserer Kenntnis nach sieben Personen in Gewahrsam genommen. Nicht in allen Fällen ist genau klar, was den Fans jeweils vorgeworfen wird. Aus unseren bisherigen Aufarbeitungen erscheint für uns naheliegend, dass hier keine gezielten Angriffe gegen Polizisten stattgefunden haben, sondern etwaige Beschuldigungen sich aus der komplett außer Kontrolle geratenen Situation entstanden sind. Dass diese Maßnahmen niemals hätten stattfinden müssen, wenn die Situation nicht zu Beginn einseitig durch die Polizei eskaliert worden wäre, steht außer Frage. Gegenüber Fanvertretern äußerten selbst anwesende Polizisten Unverständnis für den Einsatz, dessen Ursache und Intensität, auch wenn dies wohl niemals öffentlich so zugegeben werden wird und leider nur glaubhaft bezeugt, nicht jedoch durch Tonaufnahmen oder dergleichen bewiesen werden kann.

Im größeren Kontext, Forderungen & Maßnahmen

Dieser Vorfall reiht sich ein in eine ganze Reihe polizeilicher Maßnahmen in ganz Deutschland in den vergangenen Wochen und Monaten. Mittlerweile machen im Wochentakt Polizeieinsätze Schlagzeilen, die von Fans als unverhältnismäßig, eskalierend oder gar neue Dimension der Polizeigewalt beschrieben werden. Der Eindruck drängt sich auf, dass nach der inhaltlichen Auseinandersetzung rund um die Innenministerkonferenz im Dezember 2025, bei der die Fans die Zahlen und Statistiken auf ihrer Seite hatten, nun körperliche Auseinandersetzungen gegen Fans und eine härtere Gangart auf der Tagesordnung stehen.

Die momentane Entwicklung bereitet uns große Sorge. Wir appellieren eindringlich an die Polizei, diese Eskalationsspirale zu stoppen und zur Verhältnismäßigkeit zurückzukehren. Bezogen auf den konkreten Einsatz am Samstag werden wir betroffene Fans unterstützen, zu ihrem Recht zu kommen und Strafanzeigen gegen die prügelnden Polizisten zu stellen. Dass dies wegen der nach wie vor fehlenden Kennzeichnungspflicht in NRW schwierig werden wird, ist ein politisches Defizit, wird uns aber nicht davon abhalten, alles zu tun, um Fans zu ihrem Recht zu verhelfen.

FPMG Supporters Club & Fanhilfe Mönchengladbach