Stellungnahme zu den Vorfällen in Istanbul

Am gestrigen Abend (03.10.2019) fand das zweite Gruppenspiel der UEFA Europa League in dieser Saison statt. Borussia Mönchengladbach bestritt ihr erstes Auswärtsspiel beim türkischen Istanbul Basaksehir FK. Es kam zu einer massiv verspäteten Ankunft des polizeilich angeordneten Buskonvois sowie einer anschließenden massiven Schikane Gladbacher Fans durch die türkische Polizei. Im Folgenden möchten wir als Fanhilfe, die die Ereignisse während des Spiels publik gemacht hat, das Geschehene verständlich zusammenfassen:

Die Anfahrt

Die Polizei ordnete einige Wochen vor dem Spiel eine Pflicht zur Busanreise vom Stadtzentrum zum Stadion an. Sämtliche deutsche Fans mussten diese Anreisevariante wählen, andernfalls würde ihnen der Zutritt zum Stadion verwehrt werden. Bereits diese Maßnahme sehen wir als unbegründet an: Beim letzten Gladbacher Gastspiel in Istanbul (vor sieben Jahren, gegen Fenerbahçe) konnten die Fans sich frei bewegen, sind mit eigens organisierten Schiffen und anschließend per Fanmarsch zum Stadion gelangt. Und das, obwohl damals 1) deutlich mehr Borussen vor Ort waren und 2) Fener ein deutlich größeres Fanpotenzial aufweist, als der gestrige Gegner Basaksehir.

Die Abfahrt der Busse war für 17 Uhr angesetzt. Zu diesem Zeitpunkt und damit überpünktlich waren alle der mehr als tausend Borussen bereits an dem besagten Treffpunkt. Die knapp 30 Reisebusse kamen allerdings erst nach und nach an, mussten dann darüber hinaus noch kompliziert rückwärts in eine Seitenstraße einparken. Zu allem Überfluss errichtete die türkische Polizei eine Kontrolle, die die Fans passieren mussten – obwohl sie dies am Stadion ohnehin tun müssen. Das schlecht organisierte und sinnlose Prozedere führte zu einer verspäteten Abfahrt von 45 min.

Der berühmt berüchtigte Istanbuler Stadtverkehr zu dieser Zeit tat sein Übriges dazu. Der riesige Konvoi steckte mehrmals in stockendem Verkehr und Stau, fuhr zur Umgehung einen respektablen Umweg (von ca. 25 km direktem Weg auf 40 km tatsächlicher Strecke) und erreichte das Stadion entsprechend knapp: Die ersten Fans konnten gerade einmal zehn Minuten vor Anpfiff aus dem Bus steigen, die meisten Fans hatten zu diesem Zeitpunkt bereits keine Hoffnung mehr den Anstoß zu erleben.

Der Einlass

Die Situation am Einlass ist bei einer 1) vierstelligen Anzahl ankommender Fans, 2) lediglich wenigen Minuten bis Spielbeginn (und mit der Zeit einigen Minuten nach selbigem) sowie 3) lediglich vier Drehkreuzen unschwer auszumalen. Es kam zu langen Schlangen, kleinerem Gedrängel und Unmutsbekundungen der anwesenden Gladbacher. Trotz des Unmuts behielten diese jedoch jederzeit die Nerven, wurden nicht handgreiflich und verhielten sich weitgehend ruhig sowie kooperativ.

Die vor Ort befindlichen Polizisten reagierten genau umgekehrt und fingen beim kleinsten Anzeichen von Gedrängel an, körperlich zu werden. Fans wurden geschubst und bedroht. Dass die Situation, trotz Enge und aggressivem Auftreten der Polizei, nicht eskaliert ist, ist dem besonnenen Verhalten der Fans zu verdanken.

Die Fahnen

Parallel zur angespannten Situation vor den Drehkreuzen, fand unmittelbar hinter diesen die Kontrolle der von den Fans mitgebrachten Fahnen statt. Diese war angekündigt: Fans müssen die Fahnen zeigen, sie übersetzen lassen und dürfen sie anschließend mit in den Block nehmen.

Die Kontrolle gestaltete sich jedoch komplizierter und eskalierte. Mehrere Fahnen stießen den türkischen Polizisten und Ordnern auf und sollten verboten werden. Insbesondere erregte eine Fahne mit dem alten sowie dem aktuellen Stadtwappen Mönchengladbachs die Gemüter der Ordnungskräfte. Der auf dem alten Wappen abgebildete St. Vitus, Patron der Stadt, führte zu lautem Geschrei. Auf gebrochenem Englisch wurde mehrfach geschrien: „What is this? What is this?“, „Christian! This is christian!“. Die Fans probierten auf Englisch zu erklären, dass das Wappen das Symbol der Stadt Mönchengladbach sei. Ein türkischsprachiger Ordner Borussias sowie die anwesenden Szenekundigen Beamten (SKB) aus Mönchengladbach probierten mit Verweis auf die Google-Bildersuche und auf türkisch ebenfalls zu vermitteln – ohne Erfolg. Seitens der türkischen Polizisten und Ordner bestand zu diesem Zeitpunkt kein Interesse mehr an einer vernünftigen Kommunikation.

Die Fans wurden nicht nur angeschrien, sondern auch körperlich drangsaliert. Es wurde probiert nach den Fahnen zu greifen, was die Fans mit dem defensiven Festhalten an Selbigen probierten zu verhindern. Fans mit Fahnen wurde gegen die Wand geschubst und dort gedrückt. Ein Fan an der Wand wurde kurzzeitig gewürgt. In dieser Situation sind nach übereinstimmenden Augenzeugenberichten und -aussagen auch Fanbeauftragte sowie ein Mönchengladbach SKB körperlich angegangen worden.

Die Ingewahrsamnahmen und Rauswürfe

In dieser Situation wurden mehrere Fans von der Polizei in Gewahrsam genommen und anschließend separiert. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie in der heiklen Situation rund um die Fahnenkontrolle Polizisten geschlagen haben sollen. Dieser Vorwurf war erfunden und entspricht nicht der Realität. Unserer Einschätzung nach diente er lediglich als Vorwand, um Fans einzuschüchtern und ihnen mit einer dauerhaften Festnahme sowie der Zuführung in ein Gefängnis zu drohen.

Währenddessen wurde den restlichen Fans in der Fahnenkontrolle mitgeteilt, dass die beanstandeten Fahnen keinen Einlass erhalten würden. Die Fans hätten mitsamt der Fahnen das Stadion zu verlassen. Voller Unverständnis, aber ruhig und deeskalierend, verließen die Fans das Stadion. In der Folge mussten sie die inzwischen restlichen 80 Spielminuten plus 30 Minuten Blocksperre auf den Stufen des Stadionvorplatzes verbringen, da sie ja verpflichtet waren, das Gebiet erneut mit dem gemeinsamen Buskonvoi zu verlassen.

Darüber hinaus sind nach unseren Informationen zwei weitere Fans aus dem Unterrang des Gästeblocks abgeführt worden, da diese nach dem 0:1 aus Gladbacher Sicht aus Frust gegen die Plexiglasscheibe geschlagen hatten.

Das Fazit

Alle Gladbacher konnten das Stadion (bzw. den Vorplatz) verlassen und die gemeinsame Abreise antreten. Von Ermittlungsverfahren ist uns aktuell nichts bekannt.

Eine schlimmere Eskalation ist einzig und allein dem besonnen Auftreten der Mönchengladbacher Fans zu verdanken. Diese blieben sowohl in Anbetracht der Tatsache, dass sie zum ersten Europapokalauswärtsspiel seit Jahren den Anpfiff verpassen würden, als auch angesichts des aggressiven Verhaltens der türkischen Polizei jederzeit ruhig und friedlich.

Die türkische Polizei sowie ebenfalls die Ordner des Heimvereins hatten zu keinem Zeitpunkt Interesse an einem kooperativen Verhalten oder an Kommunikation. Im Gegenteil wurde die, durch die von der Polizei selbstverschuldete späte Ankunft, hitzige Situation noch weiter verschärft. Provokationen, verbale und körperliche Gewalt sowie das Erfinden von Tatvorwürfen führten zu einer Eskalation der Lage.

Unsere Forderungen

Eine derart massive Schikane friedlicher Fans, die ihren Verein im Europapokal unterstützen wollten und dafür weder Kosten noch Mühen gescheut haben, darf nicht ohne Konsequenzen bleiben. Unseren Informationen nach sind bereits zwei Tage zuvor, als Paris Saint Germain bei Galatasaray Istanbul zu Gast war, ähnliche Ereignisse geschehen. Wir als Fanhilfe der betroffenen Gladbacher Fans fordern daher:

  • Die türkische Polizei sowie die Ordnungskräfte des Heimvereins Basaksehir fordern wir eindringlich auf, ihr gesamtes Sicherheitskonzept zu überdenken. Die Busanreise war nicht gerechtfertigt und führte nur zu Problemen. Die dadurch entstandene Situation am Einlass wurde nicht ent-, sondern verschärft. Sämtlichen Situationen wurde mit Aggressivität statt Kommunikation begegnet. Das Verbot von Fahnen ist nicht nachzuvollziehen. Hier ist insbesondere die Begründung in Bezug auf die Figur des St. Vitus zu hinterfragen. Dieser ist vollkommen offensichtlich als Bezug zur Stadt Mönchengladbach gemeint, nicht als explizit christliches Symbol – und selbst wenn dem so wäre, würde dies kein Verbot der Fahne rechtfertigen. Diese Praxis muss dringend geändert werden.
  • Borussia Mönchengladbach hat sich in Form von Stephan Schippers, Max Eberl sowie Torschütze Patrick Herrmann klar positioniert und hinter die eigenen Fans gestellt. Wir begrüßen dieses Zeichen der Solidarität ausdrücklich. Nichtsdestotrotz muss diesen Worten ein entschiedenes Auftreten gegenüber der UEFA erfolgen. Ein Abtun der Vorwürfe kann angesichts der glasklaren Sachlage sowie der skandalösen Schikane keine Option sein, mit der man sich abspeisen lassen sollte.
  • Die UEFA muss die Vorwürfe ernst nehmen und mit der gebotenen Konsequenz verfolgen. Bei einer entsprechenden Untersuchung der Ereignisse wird sich herausstellen, dass die erhobenen Vorwürfe ohne Ausnahme stimmen und hier Fans schikaniert worden sind sowie leichtfertig mit deren körperlichen Versehrtheit umgegangen worden ist. Sollte sich in Anbetracht des Vorfalls zwei Tage zuvor herausstellen, dass die türkische Polizei bewusst auf eine Eskalationsstrategie gegen ausländische Fans setzt, muss in letzter Konsequenz auch die Austragung des Champions League Finals 2020 in Istanbul überdacht werden, da das Wohl anreisender Fans so nicht gewährleistet ist.

Fanhilfe Mönchengladbach

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